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Der Prokurator
In einer italienischen Seestadt lebte vorzeiten ein Handelsmann, der
sich von Jugend auf durch Tätigkeit und Klugheit auszeichnete. Er war
dabei ein guter Seemann und hatte große Reichtümer erworben, indem er
selbst nach Alexandria zu schiffen, kostbare Waren zu erkaufen oder
einzutauschen pflegte, die er alsdann zu Hause wieder abzusetzen oder
in die nördlichen Gegenden Europens zu versenden wußte.
Sein Vermögen wuchs von Jahr zu Jahr um so mehr, als er in seiner Geschäftigkeit
selbst das größte Vergnügen fand und ihm keine Zeit zu kostspieligen
Zerstreuungen übrigblieb.
Bis in sein funfzigstes Jahr hatte er sich auf diese Weise emsig
fortbeschäftigt und ihm war von den geselligen Vergnügungen wenig
bekannt worden, mit welchen ruhige Bürger ihr Leben zu würzen
verstehen; ebensowenig hatte das schöne Geschlecht, bei allen Vorzügen
seiner Landsmänninnen, seine Aufmerksamkeit weiter erregt, als
insofern er ihre Begierde nach Schmuck und Kostbarkeiten sehr wohl
kannte und sie gelegentlich zu nutzen wußte.
Wie wenig versah er sich daher auf die Veränderung, die in seinem
Gemüte vorgehen sollte, als eines Tages sein reich beladen Schiff in
den Hafen seiner Vaterstadt einlief, eben an einem jährlichen Feste,
das besonders der Kinder wegen gefeiert wurde. Knaben und Mädchen
pflegten nach dem Gottesdienste in allerlei Verkleidungen sich zu
zeigen, bald in Prozessionen, bald in Scharen durch die Stadt zu
scherzen und sodann im Felde auf einem großen freien Platz allerhand
Spiele zu treiben, Kunststücke und Geschicklichkeiten zu zeigen und in
artigem Wettstreit ausgesetzte kleine Preise zu gewinnen.
Anfangs wohnte unser Seemann dieser Feier mit Vergnügen bei; als er
aber die Lebenslust der Kinder und die Freude der Eltern daran lange
betrachtet und so viele Menschen im Genuß einer gegenwärtigen Freude
und der angenehmsten aller Hoffnungen gefunden hatte, mußte ihm bei
einer Rückkehr auf sich selbst sein einsamer Zustand äußerst auffallen.
Sein leeres Haus fing zum erstenmal an, ihm ängstlich zu werden, und
er klagte sich selbst in seinen Gedanken an: O ich Unglückseliger! warum gehn mir
so spät die Augen auf? Warum erkenne ich erst im Alter jene Güter, die allein den
Menschen glücklich machen? Soviel Mühe! soviel Gefahren! Was haben sie mir
verschafft? Sind gleich meine Gewölbe voll Waren, meine Kisten voll
edler Metalle und meine Schränke voll Schmuck und Kleinodien, so
können doch diese Güter mein Gemüt weder erheitern noch befriedigen.
Je mehr ich sie aufhäufe, desto mehr Gesellen scheinen sie zu
verlangen; ein Kleinod fordert das andere, ein Goldstück das andere.
Sie erkennen mich nicht für den Hausherrn; sie rufen mir ungestüm zu:
Geh und eile, schaffe noch mehr unsersgleichen herbei! Gold erfreut
sich nur des Goldes, das Kleinod des Kleinodes. So gebieten sie mir
schon die ganze Zeit meines Lebens, und erst spät fühle ich, daß mir
in allem diesem kein Genuß bereitet ist. Leider jetzt, da die Jahre
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