| |
gleich in Gefahr kommst, an ihr dasjenige zu verlieren, was als das
höchste Gut der Frauen geschätzt wird? Wie mancher Mann kann durch
seine Gegenwart den Verlust dieses Schatzes nicht hindern und vermißt
geduldig, was er nicht erhalten kann! Warum solltest du nicht den Mut
haben, dich eines solchen Gutes zu entschlagen, da von diesem
Entschlusse dein Leben abhängt?
Mit diesen Worten ermannte er sich und ließ seine Schiffsgesellen
rufen. Er trug ihnen auf, nach gewohnter Weise ein Fahrzeug zu
befrachten und alles bereit zu halten, daß sie bei dem ersten
günstigen Winde auslaufen könnten. Darauf erklärte er sich gegen
seine Frau folgendermaßen:
Laß dich nicht befremden, wenn du in dem Hause eine Bewegung siehst,
woraus du schließen kannst, daß ich mich zu einer Abreise anschicke!
Betrübe dich nicht, wenn ich dir gestehe, daß ich abermals eine
Seefahrt zu unternehmen gedenke! Meine Liebe zu dir ist noch immer
dieselbe, und sie wird es gewiß in meinem ganzen Leben bleiben. Ich
erkenne den Wert des Glücks, das ich bisher an deiner Seite genoß, und
würde ihn noch reiner fühlen, wenn ich mir nicht oft Vorwürfe der
Untätigkeit und Nachlässigkeit im stillen machen müßte. Meine alte
Neigung wacht wieder auf, und meine alte Gewohnheit zieht mich wieder
an. Erlaube mir, daß ich den Markt von Alexandrien wiedersehe, den
ich jetzt mit größerem Eifer besuchen werde, weil ich dort die
köstlichsten Stoffe und die edelsten Kostbarkeiten für dich zu
gewinnen denke. Ich lasse dich im Besitz aller meiner Güter und
meines ganzen Vermögens; bediene dich dessen und vergnüge dich mit
deinen Eltern und Verwandten! Die Zeit der Abwesenheit geht auch
vorüber, und mit vielfacher Freude werden wir uns wiedersehen.
Nicht ohne Tränen machte ihm die liebenswürdige Frau die zärtlichsten
Vorwürfe, versicherte, daß sie ohne ihn keine fröhliche Stunde
hinbringen werde, und bat ihn nur, da sie ihn weder halten könne noch
einschränken wolle, daß er ihrer auch in der Abwesenheit zum besten
gedenken möge. Nachdem er darauf verschiedenes mit ihr über einige Geschäfte und
häusliche Angelegenheiten gesprochen, sagte er nach einer kleinen
Pause: Ich habe nun noch etwas auf dem Herzen, davon du mir frei zu
reden erlauben mußt; nur bitte ich dich aufs herzlichste, nicht zu
mißdeuten, was ich sage, sondern auch selbst in dieser Besorgnis meine
Liebe zu erkennen.
Ich kann es erraten, versetzte die Schöne darauf; du bist
meinetwegen besorgt, indem du nach Art der Männer unser Geschlecht ein
für allemal für schwach hältst. Du hast mich bisher jung und froh
gekannt, und nun glaubst du, daß ich in deiner Abwesenheit
leichtsinnig und verführbar sein werde. Ich schelte diese Sinnesart
nicht, denn sie ist bei euch Männern gewöhnlich; aber wie ich mein
Herz kenne, darf ich dir versichern, daß nichts so leicht Eindruck auf
mich machen und kein möglicher Eindruck so tief wirken soll, um mich
von dem Wege abzuleiten, auf dem ich bisher an der Hand der Liebe und
Pflicht hinwandelte. Sei ohne Sorgen; du sollst deine Frau so
zärtlich und treu bei deiner Rückkunft wiederfinden, als du sie abends
|  |
|
| |
|
|